Unter Briten by Scheuermann Christoph

Unter Briten by Scheuermann Christoph

Author:Scheuermann, Christoph [Scheuermann, Christoph]
Language: deu
Format: epub
Publisher: d-DVA Sachb./Belle.
Published: 2016-09-06T11:03:00+00:00


Le Carré hat in sein Stadthaus in Hampstead eingeladen, Nord-London. Es ist ein kalter Dezemberabend, das Haus liegt schweigend in der Dunkelheit. Nur durch das Wohnzimmerfenster fällt Licht auf die Straße. Ich klingle, und kurze Zeit später öffnet ein milde lächelnder Mann in Hausschlappen die Tür. Le Carré bittet freundlich ins Wohnzimmer, setzt sich in den Armsessel neben der Stehlampe und schlägt die Beine übereinander. Taxieren des Gegenübers, Smalltalk, es dauert nicht lange, bis er zu der Sache kommt, die ihn am meisten beschäftigt. »Haben Sie meine Biografie gelesen?«, fragt er.

Wenige Wochen zuvor war die erste, lang erwartete le Carré-Biografie erschienen, geschrieben von Adam Sisman, einem britischen Autor, der sich zu den großen Fans des Schriftstellers zählt. Le Carré gewährte Sisman Zugang zu seinem Privatarchiv, vermittelte Kontakte zu Freunden und Weggefährten, öffnete ihm einen Teil seines Lebens, aber das Ergebnis fiel aus Sicht des Betroffenen enttäuschend aus. Le Carré sieht wenig Übereinstimmungen zwischen sich und Sismans Hauptfigur. Er zieht seine riesigen, wolkenförmigen Augenbrauen hoch. Sein Blick sagt: Unwahrscheinlich öde, dieses Buch, nicht?

Das Problem liegt aus seiner Sicht nicht am Subjekt. Er habe das Gefühl gehabt, so le Carré, ein außergewöhnliches Leben geführt zu haben, mit Beteiligung am Kalten Krieg und Bekanntschaften, die von Arafat bis zu ehemaligen KGB-Chefs reichten. Er habe sich nicht zugetraut, eine glaubwürdige Quelle der eigenen Existenz zu sein, deshalb habe er eine Autobiografie nie in Erwägung gezogen, zumindest bis jetzt nicht. Aber, sagt le Carré, wenn jemand wie Sisman ein ganzes Leben von der Geburt an chronologisch aufblättere, Seite um Seite, und sei dieses Leben noch so spannend gewesen, dann lese sich das Ergebnis am Ende doch wie ein Telefonbuch, nicht? Le Carré nickt, der Gedanke gefällt ihm. Ja, ein Telefonbuch.

Er holt Luft, man merkt, dass er sich nicht aufregen wollte, er entschuldigt sich. Er sei abgedriftet von der Ausgangsfrage, die ja lautete, wie es zu diesem Abhörskandal und dieser Datengier kommen konnte, und wie sich der britische Spion in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. »Lassen Sie mich kurz …«, beginnt le Carré und taucht in einen Monolog über die Ursprünge des britischen Geheimdienstwesens ab.

Le Carré ist nicht nur ein begnadeter Autor, sondern auch ein begabter Abschweifer und Ablenker, vor allem dann, wenn man versucht, ihm persönlich nahezurücken. Schon sein Name ist eine Tarnung, damit fängt es an, tatsächlich heißt er David Cornwell. Das Pseudonym legte er sich zu, als er noch im Dienst Ihrer Majestät stand. Sein Spionageleben begann 1958, le Carré suchte nach einem kurzen Ausflug in die Pädagogik eine packendere Aufgabe. Als der MI5 ihm einen Job anbot, war er 27. Dumm nur, dass es keinen Krieg mehr gab, zumindest keinen sichtbaren. Seine Generation habe sich geschämt, so le Carré, weil sie während des Krieges zu jung gewesen seien, um gegen die Nazis zu kämpfen, weil sie zu den Gewinnern gehörten, ohne am Sieg mitgewirkt zu haben. »Alles, was ich als junger Mann werden wollte, war ein Held«, sagt er.

Da ist er wieder, der Krieg. Hitler, Nazis, die gewonnene Schlacht. Die englische Obsession.



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