Nero by Ernst Eckstein

Nero by Ernst Eckstein

Author:Ernst Eckstein [Eckstein, Ernst]
Format: epub
Tags: Roman
Publisher: TUX
Published: 2009-12-08T14:00:00+00:00


Neuntes Kapitel

Der Obersteuermann und die beiden Matrosen, die aus der schrecklichen Katastrophe ihrer Bireme mit dem Leben davongekommen, wußten über die Freigelassene des Nicodemus keinerlei Auskunft zu geben. Alle Welt war der Meinung, Acte sei, wie die übrigen Insassen des verunglückten Fahrzeugs, ertrunken. Wo stämmige Gallier und muskelstarke Iberier im Kampf mit der feindlichen Meerflut zu Grunde gegangen, wie sollte da ein zartes, rosiges Mädchen obgesiegt haben?

Gleichwohl irrte man sich.

Eh' noch der Zweiruderer ganz in die Tiefe sank, hatte sich Acte, eine der losgesplitterten Planken der Brüstung ergreifend, jäh über Bord gestürzt. Heil und ihrer Sinne noch mächtig, tauchte sie aus dem gurgelnden Schlunde wieder empor, immer die Planke wider den Busen pressend, und aus dem Bereich der Matrosen steuernd, die nach kurzem qualvollem Ringen sämtlich im Gewoge verschwanden; denn die Schiffsleute von Beruf waren grundsätzlich keine Schwimmer.

Das junge Mädchen allein harrte aus. Ihre geschmeidigen Glieder, die es gewohnt waren, halbe Stunden lang von dem wallenden Element sich tragen zu lassen, brauchten nur eine mäßige Anstrengung, um jetzt mit Hilfe der Planke den Kopf über Wasser zu halten. Eine Vorwärtsbewegung versuchte sie nicht; der Gedanke, auf eine so große Entfernung die Küste erreichen zu wollen, wäre ein Wahnsinn gewesen. Ein Fischerkahn mußte ihrer gewahr werden oder ein Lastschiff: das war die einzige Möglichkeit einer Rettung. Deshalb hieß es: die Kräfte gespart und den Mut nicht verloren, und die kluge, kühle Besonnenheit . . .

Mit unglaublicher Energie rang ihre zagende Seele wider die Anwandlungen der Furcht, die ihr mehr und mehr das pochende Herz zu ersticken drohte.

Sie sprach sich vor, es sei ja nicht denkbar, daß ihr glückseliger Liebestraum ein so schreckliches Ende nehme. Sie suchte sich das himmlische Selbstvertrauen, wie sie's dem Pallas gegenüber bekundet hatte, wieder zurückzurufen, und sich einzureden, die Liebe Neros wehe als schirmender Odem auch über die endlose Wasserwüste.

Alles vergeblich. Trotz der heiligen Glut ihres Empfindens mußte sie voll begreifen, daß ihre Lage eine verzweifelte war.

Der Frühwind hatte inzwischen die Fluten, so weit der Blick reichte, mit weißen Kämmen besät. Von einem Schiff aus konnte die Unglückliche nur noch entdeckt werden, falls dasselbe ganz in der Nähe vorbeikam: denn ihr bleiches Gesicht, ihr helles Gewand und ihr glänzendes Haupthaar mischten sich mit dem schneeigen Schaumgewirbel zu einem unentwirrbaren Ganzen.

Auf und nieder, auf und nieder, mit der Regelmäßigkeit gewaltiger Atemzüge ging dies Wogen der überstürzenden Wasser. Jetzt sah sich Acte auf der strudelnden Höhe; jetzt strömte sie, willenlos und gleichsam ein Teil der beweglichen Flut geworden, in die schwarzblaue Senkung hinab, um ebenso wieder emporzusteigen.

Das Rauschen und Brausen übertäubte nun ganz und gar ihren oft wiederholten Hilferuf. Die sonst so herrliche Stimme scholl matt und ohne Metall. Oder war es die immer wachsende Todesfurcht, die ihr den süßen, silbernen Klang benahm . . .?

Drüben am westlichen Himmelsrand zogen die riesigen Kauffahrteischiffe, die nach Panormus steuerten, bleich wie fliehende Dunstgebilde vorüber: keines jedoch lenkte den Kurs nach der Unglücksstelle. Die Fischerboote von Antium wagten sich bei dieser bedenklichen Brise nicht so weit in die See hinaus. Was von Gallien oder Hispanien nach Ostia ging, kreuzte mehr nordwärts.



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