Good Girls by Laura Ruby

Good Girls by Laura Ruby

Author:Laura Ruby [Ruby, Laura]
Language: deu
Format: epub, pdf
Publisher: Lübbe
Published: 2013-04-04T16:00:00+00:00


Salatbesteck mit Schnabel

Ich habe seit Tagen nicht mit Ash geredet. Joelle versucht zu helfen, aber das Vorsprechen für Hamlet und die anschließenden Proben lenken sie zu sehr ab. Sie hat sich ganz umsonst Sorgen gemacht. Sie ist die einzige Schülerin in der ganzen Schule, die dieses verrückte, supercoole Mädchen Hamlet spielen kann: »Sein oder nicht sein – das ist nicht die Frage.« Ein großer, gut aussehender Schüler namens Joe aus der Stufe unter uns, den wir noch nie zuvor gesehen hatten, bekommt die Rolle des O – der männlichen Ausgabe von Ophelia. Wenn sie zusammen das Stück lesen und Joelle ihm ins Gesicht schreit: »Geh in ein Kloster!«, dann sieht O bzw. Joe erschrocken und angetan zugleich aus.

Ms Godwin ernennt mich zur leitenden Bühnenbildnerin, was weder mich noch die anderen sonderlich überrascht. Sie will keine venezianischen Kanäle und auch keine mittelalterlichen Thronsäle. Aber immerhin ein ausgefeiltes zeitgenössisches Bühnenbild auf Rollen. Ich dachte, die Aufgabe würde mich aufmuntern, aber dem ist nicht so. Ich verspüre keinerlei Bedürfnis, Pläne zu zeichnen oder meinem Team irgendwelche Anweisungen zu geben. Meine üblichen Helfer – bleiche, picklige Jungs aus der Unterstufe, die aus unerfindlichen Gründen für mich schwärmen (umso schlimmer, dass jetzt dieses Foto in der Schule kursiert) – sind enttäuscht. Sie wollen wissen, warum ich mir die Haare gefärbt habe, und fragen mich, ob ich nicht weiß, dass Blondinen mehr Spaß haben oder es zumindest mehr Spaß macht, sie anzuschauen. Sie wollen wissen, ob ich vorhabe, mir die Haare abzuschneiden, und drohen, die Theater-AG zu boykottieren, wenn ich es tue. Fans mögen keine Veränderungen.

Ich mag auch keine Veränderungen. Normalerweise hilft mir Dad immer bei meinen Entwürfen und beim Besorgen der Materialien. Leider benimmt er sich plötzlich so merkwürdig, sobald ich in der Nähe bin. Nervös und aggressiv wie eine streunende Katze. Er arbeitet noch mehr als sonst, falls das überhaupt geht. Und wenn er nicht im Laden arbeitet, arbeitet er zu Hause. Er erledigt Papierkram oder Hausarbeit oder irgendwelche unnötigen Projekte, nur damit er mich nicht sehen muss. Als er im Keller ein Bücherregal baut, biete ich ihm an, die Schleifarbeiten zu übernehmen, damit er es anschließend lackieren kann.

»Nein, ich komm schon alleine klar«, antwortet er schroff. »Ich will nicht, dass du dich schmutzig machst.«

Ich bin nicht mehr sein heiß geliebter Ersatzsohn. Henrys Stellvertreter, der eigentlich an der Seite seines Vaters leben sollte. Ich bin dieses durchgeknallte Mädchen, das diese ekligen Mädchensachen macht, mit denen Männer – oder besser gesagt: Väter – nicht gut umgehen können. Und ich kann auch nicht gut damit umgehen.

»Wann wird mich Dad endlich wieder wie einen normalen Menschen behandeln?«, frage ich Mom auf dem Weg zu dem gefürchteten Termin beim Frauenarzt. Ich frage sie, weil es mich interessiert. Aber auch um mich von der unglückseligen Geschichte mit Ash und dem schrecklichen Arzttermin abzulenken. Mein Magen versteckt sich in meiner Speiseröhre und sämtliche anderen Organe haben die Plätze getauscht. Ich hasse Ärzte, ganz egal welcher Fachrichtung. Ich hasse ihre weißen Kittel und ihr sonderbares Lächeln und ihre Gummihandschuhe und Stäbchen und Nadeln und ausdruckslosen Gesichter.



Download



Copyright Disclaimer:
This site does not store any files on its server. We only index and link to content provided by other sites. Please contact the content providers to delete copyright contents if any and email us, we'll remove relevant links or contents immediately.