Die Libelle by John le Carré

Die Libelle by John le Carré

Author:John le Carré [Carré, John le]
Language: deu
Format: epub
Published: 2013-09-15T16:00:00+00:00


Kapitel 13

Das Kloster lag zwei Kilometer von der Grenze entfernt in einer von Felsen und Riedgras umgebenen Senke: ein trauriger, entweihter Ort, die Dächer waren eingedrückt, die Zellentüren zum Innenhof aufgebrochen, die Steinmauern mit psychedelischen Hula-Mädchen bemalt. Ein Nach-Christ haue versucht, hier eine Diskothek einzurichten, dann jedoch genauso das Weite gesucht wie zuvor die Mönche. Auf dem Betongeviert, das als Tanzfläche hatte dienen sollen, stand der rote Mercedes wie ein Streitross, das zur Schlacht fertig gemacht wird; daneben die Amazone, die es lenken sollte, und neben ihr Joseph, der Aufseher über alles. Bis hierhin hat dich Michel gebracht, um die Nummernschilder auszuwechseln und wo er Abschied von dir nimmt, Charlie; hier hat er dir die falschen Papiere und die Wagenschlüssel ausgehändigt. Rose, wisch die Tür bitte noch mal ab. Rachel, was ist das für ein Stück Papier dort auf dem Boden? Er war wieder Joseph, der Perfektionist, der sich auch noch um das winzigste Detail kümmerte. Der Lieferwagen der Funker stand neben der Außenmauer, und seine Antenne schwankte sanft im heißen Wind.

Die Münchener Nummernschilder waren bereits festgeschraubt, das CD durch ein verstaubtes deutsches D ersetzt worden. Unerwünschte Abfälle waren entfernt worden. Peinlich genau und sehr umsichtig verteilte Becker an ihrer Stelle beredte Erinnerungsstücke: einen oft durchgeblätterten Akropolis-Führer, in die Seitentasche des Wagenschlags geschoben und vergessen; Traubenkerne für den Aschenbecher, kleine Reste von Apfelsinenschalen auf dem Boden; Hölzchen von griechischem Eis-am -Stiel, Schnipsel von Schokoladenpapier. Dann zwei abgerissene Eintrittskarten für die antiken Stätten von Delphi, eine Esso-Straßenkarte von Griechenland, die Route Delphi - Saloniki mit Filzstift eingezeichnet und versehen mit ein paar von Michel auf Arabisch hingekritzelten Randbemerkungen in der Nähe der Stelle, wo Charlie in den Hügeln einhändig die Pistole abgefeuert und vorbeigeschossen hatte. Ein Kamm mit ein paar schwarzen Haaren darin, dessen Zähne mit Michels stark riechendem deutschen Haarwasser bestrichen waren. Ein paar Autohandschuhe aus Leder, leicht besprüht mit Michels Körperspray. Ein Brillenetui der Firma Frey, München - das Etui, das zu der Sonnenbrille gehört hatte, die entzweigegangen war, als ihr Besitzer an der Grenze versucht hatte, Rachel mitzunehmen. Zuletzt unterzog er Charlie selbst einer nicht minder aufmerksamen Begutachtung, die ihre gesamte bekleidete Erscheinung erfasste, von den Schuhen bis zum Kopf und wieder über das Armband zurück, ehe er sie -widerstrebend, wie ihr schien - an einen kleinen Klapptisch führte, auf dem der durchgesehene Inhalt ihrer Handtasche bereitgelegt worden war. »So, jetzt räum das bitte ein«, sagte er schließlich, nachdem er nochmals alles überprüft hatte, und sah zu, wie sie alles auf ihre Art einpackte: Taschentuch, Lippenstifte, Führerschein, Kleingeld, Brieftasche, kleine Andenken, Schlüssel sowie den ganzen sorgfältig ausgesuchten Kleinkram, der, wenn man ihn genau untersuchte, geeignet war, die komplexen Fiktionen ihrer verschiedenen Leben zu bestätigen.

»Was ist denn mit seinen Briefen?« sagte sie. Josephs-Pause. »Wenn er mir doch all diese heißen Liebesbriefe geschrieben hat, trage ich die überall mit mir herum - oder?«

»Das erlaubt Michel nicht. Du hast strikte Anweisungen, seine Briefe an einer sicheren Stelle in deiner Wohnung aufzubewahren und sie vor allen Dingen niemals bei einem Grenzübertritt dabeizuhaben.



Download



Copyright Disclaimer:
This site does not store any files on its server. We only index and link to content provided by other sites. Please contact the content providers to delete copyright contents if any and email us, we'll remove relevant links or contents immediately.