So habe ich es mir nicht vorgestellt by Gur Batya

So habe ich es mir nicht vorgestellt by Gur Batya

Author:Gur, Batya [Gur, Batya]
Language: deu
Format: epub
Published: 2013-09-19T16:00:00+00:00


9. Hila oder: Der Prozeß findet statt

Als Hila aufwachte, war es drei Uhr morgens. Obwohl es ihr nicht gelang, noch einmal einzuschlafen, blieb sie bis gegen sechs Uhr liegen, nahm sich alles mögliche vor, versuchte, irgendwelche schönen Vorstellungen festzuhalten, die aber immer wieder davonflogen wie Drachenschnüre bei starkem Wind, bis sie schließlich, noch vor sechs Uhr, im Badezimmer stand, den Bauch ans Waschbecken gepreßt, das Gesicht so dicht wie möglich an dem kleinen Spiegel mit dem schwarzen Rahmen. Mit dem Finger zog sie die Oberlippe hoch und berührte ihr Zahnfleisch. Erst oben, dann unten. Sie fletschte die Zähne und riß den Mund auf. Wenn nichts zu sehen war, gelobte sie sich auch diesmal, würde sie darauf verzichten, Alex zu treffen, wenigstens einmal.

Als sie ihre Fingerspitzen betrachtete, die zwar feucht waren, aber keine Spur von Blut zeigten, entschied sie, daß das eigentlich noch nichts bedeute und sie daher das Gelöbnis nicht zu halten brauche. Nur wenn wirklich keine Blutung auftrat, wollte sie auf das Treffen verzichten. Und falls sich herausstellen sollte, daß sie ganz gesund war, versprach sie sich, würde sie vielleicht den Kontakt mit ihm für einige Zeit aufgeben, möglicherweise sogar für immer.

Mit der Spitze ihres kleinen Fingers fuhr sie über das rosafarbene Zahnfleisch und betrachtete prüfend den Fingernagel, ob ein Zeichen für eine Blutung zu erkennen war. Nichts war zu sehen, auch nicht der kleinste Tropfen, trotzdem brauchte man nicht gleich an die Einhaltung des Versprechens zu denken. Wenn sie es sich genau überlegte, hatte sie es ja nicht wirklich versprochen, sie hatte die Bedingungen noch nicht endgültig formuliert.

Im Spiegel sah sie, daß ein Knopf an ihrem Hemd fehlte. Man durfte sich nicht gehenlassen. Sie mußte ihn sofort annähen. Unter dem Wasserhahn, im Waschbecken, waren gelbe Rostflecken zu sehen, deshalb mußte sie den Knopf annähen. Das war zwar kein Blut, aber ganz genau weiß man das ja nie, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. Und vielleicht bestand das erste Anzeichen ja auch aus etwas anderem als Blut.

Da ihr Mund so trocken war, fiel es ihr schwer, ins Waschbecken zu spucken, aber als sie es geschafft hatte, entdeckte sie etwas, das man vielleicht als Rosa bezeichnen konnte, eine Farbe, die durchaus auf eine geheime Blutung hinweisen konnte. Die beiden Wörter »geheime Blutung« reichten, um alles zwingend und dringend zu machen. Geheime Blutungen und die dunklen Ränder unter ihren Augen. Nur wenn man das untere Lid herabzog, sah man den hellen Rosaton unterhalb des Augapfels, ein Beweis für Blutarmut, was untrüglich auf eine starke Anämie oder eine innere Blutung hinwies.

Während sie Nadel und Faden suchte, überlegte sie, daß sie den obersten Knopf abschneiden könnte, den sie ohnehin nie benutzte, und statt des fehlenden annähen. Der Nähkasten stand noch immer auf dem Bücherschrank im Wohnzimmer, wie damals, als ihre Mutter noch gelebt hatte, und sie mußte sich auf die Zehenspitzen stellen, um ihn herunterzuholen. Als sie den Deckel öffnete und die drei treppenförmigen Schubladen herausklappte – keine einzige Nadel war zu sehen –, strich sie sich mit der anderen Hand über die linke



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