Die Wegwerfkuh by Busse Tanja

Die Wegwerfkuh by Busse Tanja

Author:Busse, Tanja [Busse, Tanja]
Language: eng
Format: epub
Publisher: Blessing, 2015
Published: 2015-05-04T04:00:00+00:00


Kapitel 6

Verschwendungslandwirtschaft

Irgendwann in den Achtzigerjahren stoppte mein Vater unser Auto vor einem Feld. »Guckt euch das an«, sagte er. »Das ist ein Biobauer, der hier Weizen anbaut. Mehr Unkraut als Getreide. So wie die sich das denken, geht das einfach nicht.«

Schade, dachte ich damals. Denn ich fand die Idee eigentlich gut. In der Schule hatte ich davon gehört: Es gab Bauern, die versuchten, ihre Felder ohne Spritzmittel und Kunstdünger zu bestellen.

Mein Vater beendete unsere Familienfortbildung in alternativer Landwirtschaft schon nach der ersten Feldbeschau. So verpassten wir den Fortschritt, den die Ökobauern machten, die neuen Geräte, die sie entwickelten, die erweiterten Fruchtfolgen und ihre Ernteerfolge. Als wir Jahre später zusammen vor einem Biomöhrenfeld standen, sagte mein Vater: »Das muss ein konventionelles sein«. »Nein«, sagte der Landwirt und lächelte nachsichtig. »Das ist bio.« Die Ignoranz der anderen Landwirte war für den Biobauern nichts Neues.94

In den Anfangsjahren war Biolandwirtschaft schlicht und einfach kein Thema für den Mainstream der Landwirte. Die Fachpresse berichtete so gut wie nie darüber, und wann immer ich mit einem konventionellen Bauern über Ökolandbau sprach, sagte er als Erstes: »Bio ist eine Nische. Und das wird auch so bleiben.« Das habe ich so oft vernommen, dass ich glaube, diese beiden Begriffe sind im kollektiven Bewusstsein der Fortschrittsbauern zusammengeschweißt worden: Bio = Nische. Als habe es eine Dienstanweisung in allen Bauernblättern gegeben, den Begriff Bio nur im Zusammenhang mit Nische zu benutzen.

Die Pioniere des ökologischen Landbaus erzählen allesamt, wie viel Spott sie von ihren Kollegen aushalten mussten, nachdem sie die Umstellung gewagt hatten. Keinen kumpelhaft-neckenden, sondern hämischen, oft sogar bösartigen. So heftig, dass Psychologen dahinter vielleicht den Versuch vermuten würden, von eigener Unsicherheit abzulenken. Wer sich seiner Sache ganz sicher ist, der wehrt jemanden, der etwas anderes ausprobiert, nicht so vehement ab, lässt ihn vielmehr probieren und schaut neugierig zu, wie es läuft. Nicht so in der traditionellen Landwirtschaft.

Da war gleich zu Anfang klar: Bio ist eine Nische und funktioniert nicht richtig, das sieht man an den niedrigen Erträgen, und deshalb ist das nichts für uns. Wir sind nämlich innovativ, fortschrittlich und erfolgreich. Bei dieser Argumentation war die Effizienz immer das stärkste Argument: Unsere Erträge sind höher. Also tun wir das Richtige.

Später kam der gesellschaftliche Wandel und brachte grüne Landwirtschaftsministerinnen in Ämter, die zuvor fest in konservativ-fortschrittlicher Hand gewesen waren. Die Agrarlobby büßte ihre alleinige Definitionsmacht ein, der Biogedanke breitete sich aus, Supermärkte und sogar Discounter nahmen Produkte mit Ökosiegel ins Sortiment. Was rechtschaffene Landwirte bislang getan hatten, um die Bevölkerung preiswert mit wertvollem Fleisch zu versorgen, wurde als Massentierhaltung beschimpft, während Bio als wichtiger Baustein der Weltverbesserung galt. Die Leute glaubten den Landwirten nicht mehr, und die großen Wir-haben-es-satt-Demonstrationen95 gegen Intensivtierhaltung und Exportsubventionen während der Grünen Woche im Januar in Berlin verzeichneten Jahr für Jahr mehr Teilnehmer. Plötzlich ging es für die Landwirte nicht mehr nur um Effizienz, sondern auch um die Ehre.

Im September 2013 trafen sich hessische Biobauern und Tierschützer in Karben, einer Kleinstadt vor den Toren Frankfurts, um über die Zukunft der Landwirtschaft zu diskutieren. Es war Wahlkampf in Hessen, und in Brüssel wurde über die neue europäische Agrarpolitik verhandelt.



Download



Copyright Disclaimer:
This site does not store any files on its server. We only index and link to content provided by other sites. Please contact the content providers to delete copyright contents if any and email us, we'll remove relevant links or contents immediately.