Liegen lernen by Frank Goosen

Liegen lernen by Frank Goosen

Author:Frank Goosen [Goosen, Frank]
Language: deu
Format: epub
ISBN: 3821808543
Publisher: Eichborn Verlag
Published: 1999-12-31T23:00:00+00:00


10

Die Sache mit dem Friedhof irritierte mich. War das pervers? Oder war ich ein Spießer? Selbstbestimmte weibliche Sexualität unter Einschluß ungewöhnlichen Verhaltens und phantasievoller Praktiken – davon hatte ich gehört, Britta hatte mir davon erzählt. Aber auf dem Friedhof? War das Glorias Kommentar zur Situation der Sexualität in den Zeiten von AIDS, jener »Big Desease with a little Name«, wie es bei Prince hieß, den ich bei Gloria rauf und runter hören mußte?

Es blieb nicht nur bei Friedhöfen. Alles Religiöse machte Gloria scharf. Wenn wir an einer Kirche vorbeigingen, drückte sie meine Hand ganz fest, und als wir mal nach Köln fuhren, mußten wir in den Dom gehen, und Gloria nahm mich beiseite und küßte mich und rieb meinen Schwanz durch meine Hose. Ich sagte nichts. Na gut, ich bekam einen Ständer, aber ich fühlte mich nicht wohl dabei. Zunächst dachte ich, es sei dieser Hauch von Tod und Ewigkeit, der von religiösen Symbolen, jedenfalls von christlichen, ausgeht. Dann dachte ich, es sei vielleicht der öffentliche Aspekt, der mich störte und verunsicherte. Das wäre alles in Ordnung gewesen. Darüber hätte man reden können.

Aber dann ging mir auf, daß es mir nicht geheuer war, weil es sich nicht gehörte. So etwas tat man einfach nicht. Man fickte nicht auf Friedhöfen, man griff seinem Freund in gotischen Baudenkmälern nicht zwischen die Beine, das war unanständig. Und das konnte ich ihr nicht sagen. Wie hätte das denn ausgesere und ihr gesagt hätte: »Du, Gloria, ich finde, so wie du verhält man sich nicht im Angesicht Gottes.« Gott war mir egal, wenn es ihn gab, war er ohnehin blind oder hatte schon zu viel gesehen, aber mir ging durch den Kopf, was meine Mutter sagen würde, wenn sie davon erfuhr: »Junge, ach Junge, manchmal möchte ich wirklich wissen, was du eigentlich willst.«

Ein bißchen schämte ich mich dafür. Ich war ein Spießer. Ich ging dagegen an. Ich sagte mir: Du liebst diese Frau, also wirst du auch damit fertig werden, daß sie pervers ist. War sie das? Konnte ich damit so einfach fertig werden?

Wenn wir spazierengingen, fing ich an, unsere Routen so zu planen, daß wir an keiner Kirche und an keinem Friedhof vorbeikamen. Das war nicht einfach. Na gut, und Gloria kam auch nicht bei jedem Kirchturm in Wallung, aber das Risiko erschien mir zu groß. Schließlich versuchte ich, Spaziergänge allgemein zu vermeiden.

Dann fing es zu Hause an. Eines Abends, als wir schlafen gingen, hing ein Kruzifix über dem Bett. Ich sagte nichts, zog mich aus und legte mich hin. Aber Gloria ließ ihre Nachttischlampe an und begann, an mir herumzufummeln. Ich wollte nicht. Ich wollte schon, aber ich wollte nicht wollen. Ich sah ihr rotes Haar und ihre Augen, die so blitzten, wie sie es immer taten, wenn Gloria in Schwung kam. Man mußte schon schwul oder blind sein, um dem widerstehen zu können. Nein, blind hätte nichts genützt, denn da blieb dann immer noch das, was sie und ihr Körper mit einem machten, selbst wenn man sie nicht sah. »Sie und ihr



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