Schande by J. M. Coetzee

Schande by J. M. Coetzee

Author:J. M. Coetzee [Coetzee, J. M.]
Language: deu
Format: epub
Published: 2013-10-24T16:00:00+00:00


14. Kapitel

Ein neuer Tag. Ettinger ruft an und bietet an, ihnen »inzwischen« ein Gewehr zu leihen. »Vielen Dank«, antwortet er. »Wir überlegen es uns.«

Er holt Lucys Werkzeug hervor und repariert die Küchentür, so gut er kann. Sie sollten eigentlich Gitter anbringen, Sicherheitstüren, eine Umzäunung, wie es Ettinger getan hat. Sie sollten das Farmhaus in eine Festung verwandeln. Lucy sollte sich eine Pistole zulegen und ein Funksprechgerät und Schießunterricht nehmen.

Aber wird sie jemals einwilligen? Sie ist hier, weil sie das Land liebt und die alte, ländliche Lebensweise. Wenn diese Lebensweise zum Untergang verurteilt ist, was soll sie dann noch lieben?

Katy wird aus ihrem Versteck gelockt und in der Küche untergebracht. Sie ist eingeschüchtert und ängstlich, folgt Lucy überallhin, bleibt ihr dicht auf den Fersen.

Das Leben ist von einem Moment zum anderen nicht mehr so wie früher. Das Haus wirkt fremd, geschändet; sie sind ständig auf der Hut, lauschen auf Geräusche.

Dann taucht Petrus wieder auf. Ein alter Laster kämpft sich stöhnend den ausgefahrenen Weg hoch und hält beim Stall. Petrus klettert aus dem Führerhaus, er steckt in einem Anzug, der zu eng für ihn ist, ihm folgen seine Frau und der Fahrer. Von der Ladefläche holen die beiden Männer Kartons, imprägnierte Holzpfähle, verzinkte Bleche, eine Rolle Plastikrohr und schließlich, mit viel Spektakel, zwei halbwüchsige Schafe, die Petrus an einen Zaunpfahl bindet. Der Laster macht einen weiten Bogen um den Stall und donnert den Weg wieder hinunter.

Petrus verschwindet mit seiner Frau im Gebäude. Eine Rauchfahne steigt langsam aus dem Asbestrohr, das als Schornstein dient.

Er beobachtet weiter. Kurz darauf taucht Petrus’ Frau auf und schüttet mit einer weit ausholenden, leichten Bewegung einen Schmutzwassereimer aus. Eine hübsche Frau, denkt er bei sich, mit ihrem langen Rock und ihrem nach Landessitte hochgebundenen Kopftuch. Eine hübsche Frau und ein glücklicher Mann. Aber wo sind sie gewesen?

»Petrus ist zurück«, sagt er zu Lucy. »Mit einer Ladung Baumaterial.«

»Gut.«

»Warum hat er dir nicht gesagt, daß er fortfährt?

Kommt es dir nicht seltsam vor, daß er ausgerechnet zu dieser Zeit verschwindet?«

»Ich kann Petrus nicht herumkommandieren. Er ist sein eigener Herr.«

Eine unlogische Folgerung, aber er läßt sie durchgehen. Er hat beschlossen, Lucy erst einmal alles durchgehen zu lassen.

Lucy bleibt für sich, zeigt keine Gefühle, interessiert sich für nichts um sie herum. Ihm bleibt es überlassen, unkundig in bäuerlichen Angelegenheiten, wie er ist, die Enten aus ihrem Verschlag zu lassen, das Bewässerungssystem zu bedienen und Wasser in Gräben zu leiten, um den Garten vor dem Vertrocknen zu retten. Lucy bringt Stunde um Stunde damit zu, auf dem Bett zu liegen, vor sich hin zu starren oder alte Zeitschriften durchzublättern, von denen sie einen unbegrenzten Vorrat zu haben scheint. Sie blättert sie schnell und ungeduldig durch, als suche sie in ihnen etwas, was nicht dort ist. Edwin Drood nimmt sie nicht mehr zur Hand.

Er entdeckt Petrus beim Wasserreservoir, in seinem Arbeitsoverall. Es wirkt eigenartig, daß der Mann sich noch nicht bei Lucy zurückgemeldet hat. Er schlendert hinüber, tauscht Grüße aus. »Sie müssen es gehört haben, wir hatten hier am Mittwoch in Ihrer Abwesenheit einen großen Raubüberfall.



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